Warum mehr Nachdenken nicht immer mehr Klarheit schafft und was der eigene Bezug damit zu tun hat.
Da gibt es Entscheidungen, bei denen fehlen Informationen und dann fängt man an zu recherchieren. Fragt jemanden, der sich auskennt. Holt Zahlen ein, Prüft Möglichkeiten und manchmal Schläft man noch eine Nacht darüber.
Und irgendwann weiß man genug, zumindestens Theoretisch. Doch praktisch sitzt man drei Wochen später immer noch da und denkt über dieselbe Sache nach. Man hat inzwischen eine Excel-Tabelle. Zwei Pro-und-Contra-Listen. Drei Meinungen von Menschen, denen man vertraut. Einen Podcast dazu gehört. Google bemüht und vielleicht sogar ChatGPT gefragt.
Die Faktenlage ist hervorragend, doch die Entscheidung leider immer noch nicht, das ist doch wirklich bemerkenswert.
Wie viel muss man eigentlich noch wissen, bevor man merkt, dass Wissen möglicherweise gerade gar nicht das Problem ist?
Denn eigentlich weiß man es doch längst, einer dieser Sätze der erstaunlich häufig fällt, wenn Entscheidungen schwierig werden:
„Eigentlich weiß ich ja, was ich machen müsste.“
Wie ich finde auch ein interessanter Satz, denn wenn man es weiß - warum macht man es dann nicht? Die naheliegende Antwort lautet schnell: Angst oder Unsicherheit. Mangelndes Selbstvertrauen, alte Muster. Bindungstrauma, das Nervensystem und die Kindheit. Ach ja und dann haben wir da noch den inneren Kritiker. Es findet sich heutzutage für nahezu jedes Zögern eine Erklärung. Manche davon sind auch ausgesprochen hilfreich, andere erklären einen Menschen so gründlich, dass am Ende kaum noch einer übrig bleibt, der eine Entscheidung treffen könnte. Vielleicht lohnt es sich deshalb, vorher etwas anderes zu fragen:
Was weiß man eigentlich, wenn man sagt: „Ich weiß es doch längst“?
Kennt man die Fakten?
Weiß man, was vernünftig wäre?
Weiß man, was man möchte?
Weiß man, was andere von einem erwarten?
Oder weiß man inzwischen nur sehr genau, welche Entscheidung sich am besten begründen ließe?
Das ist nicht dasselbe.
Mehr Information ist nicht automatisch mehr Klarheit
Die Vorstellung klingt zunächst vernünftig, denn wenn eine Entscheidung schwierig ist, braucht man mehr Informationen und bis zu einem gewissen Punkt stimmt das selbstverständlich.
Nur kennt die Entscheidungsforschung längst auch die andere Seite: Eine große Informationsmenge kann Entscheidungsprozesse erschweren. Reviews zu „Information Overload“ beschreiben unter anderem schlechtere Entscheidungsqualität, kognitive Belastung und sinkende Produktivität. Entscheidend sind dabei allerdings Kontext, Aufgabe und Person - „mehr Information = schlechter“ wäre also ebenso zu einfach.
Auch bei einer Vielzahl von Wahlmöglichkeiten ist das Bild differenziert. Forschung zu „Choice Overload“ zeigt keinen simplen Automatismus, wohl aber Bedingungen, unter denen eine hohe Komplexität, schwierige Entscheidungen und Unsicherheit über die eigenen Präferenzen das Entscheiden erschweren können.
Das ist eigentlich eine ziemlich beruhigende Nachricht, wenn man nach der siebzehnten Information noch immer nicht weiß, was man tun soll, muss man also nicht zwangsläufig die achtzehnte suchen. Man könnte aber auch aufhören - Revolutionär, ich weiß, und sich einer anderen Frage zuwenden.
Was liegt da eigentlich alles mit auf dem Tisch?
Nehmen wir eine berufliche Entscheidung. Ein Geschäftsbereich ist seit drei Jahren rückläufig, die Zahlen eindeutig. Prognosen wurden erstellt und verschiedene Szenarien durchgerechnet. Auf dem Papier spricht vieles dafür, ihn zu schließen -das wäre die Information.
Nur sitzt da kein Papier und entscheidet, da sitzt ein Mensch und dieser Mensch denkt möglicherweise:
Das habe ich aufgebaut.
Mein Vater hat das Unternehmen gegründet.
Einige Mitarbeiter sind seit zwanzig Jahren dabei. Was passiert mit ihnen?
Was sagt das über mich als Unternehmer aus?
Hätte ich früher reagieren müssen?
Was, wenn sich der Markt doch wieder dreht?
Was, wenn die anderen recht hatten?
Was, wenn ich damit etwas beende, das nie nur ein Geschäftsbereich war?
Nichts davon macht die Zahlen falsch, aber plötzlich wird sichtbar: Auf dem Tisch liegen nicht nur Informationen.
Dort liegen Geschichte, Zugehörigkeit, Verantwortung, Hoffnung, Angst, Loyalität, Selbstverständnis und möglicherweise die Erwartungen anderer gleich mit daneben. Und die sind nicht eingebildet, sondern sie gehören zur Wirklichkeit dieses Menschen. Nur gehören sie deshalb noch lange nicht alle zur selben Sache und Genau dort wird es interessant.
Abstand bedeutet nicht, dass einem etwas egal wird
Es gibt eine interessante Forschungsarbeit, in der psychologische Distanz unter Bedingungen hoher Informationsbelastung zu besseren Entscheidungen beitragen konnte. Die Autoren erklären das unter anderem damit, dass Informationen stärker nach ihrem wesentlichen Gehalt organisiert werden konnten. Die Innere Architektur - Mensch verwendet den Begriff Bezug allerdings anders und weiter - das ist keine Aussage dieser Studie, sondern eine eigene Perspektive des Modells.
I·A·M interessiert die Frage:
Was verändert sich, wenn man unterscheiden kann zwischen dem, was ist - und dem Bezug, aus dem man dem begegnet?
Das bedeutet gerade nicht, distanziert, emotionslos oder vermeintlich objektiv zu werden. Ein Mensch muss also nicht so tun, als hätte die Schließung eines Unternehmensbereichs nichts mit ihm zu tun. Natürlich hat sie das, vielleicht sogar sehr viel. Der entscheidende Unterschied liegt woanders: Etwas kann von großer Bedeutung sein, ohne deshalb selbst die Information zu sein.
„Der Umsatz sinkt seit drei Jahren“ ist etwas anderes als: „Wenn ich diesen Bereich schließe, habe ich versagt.“
Beides kann gleichzeitig im Raum stehen, aber nur eines davon ist die Information über den Geschäftsbereich, denn das andere erzählt etwas über den Bezug des Menschen zu dieser Information. Und genau diese beiden Dinge werden erstaunlich schnell miteinander verheiratet - oft ohne Gütertrennung.
Man steht seiner Entscheidung manchmal erschreckend nah
Von außen sind schwierige Entscheidungen gelegentlich verblüffend einfach.
Der Freund sagt: „Dann geh doch.“
Die Kollegin sagt: „Dann sag den Auftrag ab.“
Der Unternehmensberater sagt: „Der Bereich rechnet sich nicht.“
Der Arzt sagt: „Sie müssen etwas verändern.“
Und man selbst denkt: Ach was!
Natürlich sieht es von dort einfach aus, denn der andere steht schließlich nicht dort, wo man selbst steht. Er hat nicht dieselbe Geschichte mit der Sache. Nicht dieselben Beziehungen, Konsequenzen, dieselbe Verantwortung und auch nicht dieselbe Vorstellung davon, wer man danach sein wird.
Deshalb kann ein Blick von außen wertvoll sein, nicht unbedingt, weil der andere mehr weiß, sondern weil er nicht aus demselben Bezug schaut.
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Und möglicherweise einer der Gründe, weshalb man manchmal innerhalb von zehn Minuten bei einem anderen glasklar sieht, worüber dieser seit sechs Monaten nachdenkt. Beim eigenen Leben ist diese Begabung erstaunlicherweise weniger zuverlässig.
Die eigene Antwort kann sehr vernünftig klingen
Besonders interessant wird es dort, wo man längst eine Antwort hat, denn Antworten sind nicht automatisch Ausdruck von Klarheit.
Manche sind Ausdruck von Angst.
Andere von Gewohnheit.
Manche von Loyalität.
Andere davon, dass man niemanden enttäuschen möchte.
Wieder andere passen hervorragend zu dem Menschen, für den man sich hält.
„Das kann ich meinen Mitarbeitern nicht antun.“
„So etwas macht man nicht.“
„Ich muss vernünftig sein.“
„Ich kann jetzt nicht alles hinschmeißen.“
„In meinem Alter fängt man nicht noch einmal neu an.“
„Ich habe schließlich Verantwortung.“
Alles nachvollziehbare Sätze, nur was genau beschreiben sie?
Eine Tatsache, Verpflichtung, Erwartung, Befürchtung, Zugehörigkeit? Eine persönliche Grenze? Oder eine Regel, die irgendwann einmal so selbstverständlich geworden ist, dass niemand mehr auf die Idee kommt, nach ihrem Baujahr zu fragen?
An dieser Stelle hilft auch die modische Gegenbewegung nicht besonders: „Mach einfach, was sich für dich richtig anfühlt.“ Das klingt wunderbar frei, ist aber ebenfalls keine Garantie für Klarheit.
Auch Vermeidung kann sich kurzfristig hervorragend anfühlen, Gewohnheit sowieso und Angst besitzt gelegentlich eine beeindruckende Begabung, sich als Vernunft zu verkleiden.
Doch was ist meines – und was gehört wohin?
Die Innere Architektur schaut deshalb nicht zuerst die Frage: Welche Entscheidung ist richtig, sondern sie interessiert zunächst die Unterscheidung.
- Was gehört zu mir?
- Was gehört zum anderen?
- Was gehört zu uns?
- Was gehört zur Sache?
- Und außerdem, was reicht mit meiner Entscheidung darüber hinaus?
Das sind keine fünf Fragen, die man abhaken muss, um anschließend garantiert glücklich zu werden, denn so funktioniert Leben erfreulicherweise nicht. Es sind lediglich unterschiedliche Bezugsräume.
Nehmen wir wieder den Unternehmer.
Dass ihm seine Mitarbeiter wichtig sind, gehört zu ihm.
Dass Mitarbeiter eigene Entscheidungen, Möglichkeiten und Verantwortlichkeiten haben, gehört zu ihnen.Dass über Jahre Beziehungen entstanden sind, gehört möglicherweise zu einem gemeinsamen Raum.
Dass ein Geschäftsbereich wirtschaftlich nicht mehr trägt, gehört zur Sache und dass seine Entscheidung Auswirkungen auf Familien, Kunden, Mitarbeiter oder das Unternehmen haben wird, reicht über ihn hinaus.
Alles davon darf Bedeutung haben, aber nicht alles davon ist dasselbe. Klarheit entsteht nicht dadurch, einen dieser Räume zum Schweigen zu bringen, sondern dadurch, sie nicht länger miteinander zu verwechseln.
Und dann ist da noch das Wort Verantwortung, denn kaum ein Wort eignet sich so hervorragend dafür, Entscheidungen gleichzeitig wichtig und nahezu unbeweglich zu machen.
Verantwortung.
Man trägt Verantwortung für Mitarbeiter.
Für Kinder.
Für Partner.
Für Kunden.
Für Eltern.
Für ein Unternehmen.
Für das, was man aufgebaut hat.
Stimmt, nur lohnt sich auch hier gelegentlich die unhöfliche Frage: Wofür genau?
Verantwortung und Verfügung sind schließlich nicht dasselbe. Verantwortung und Schuld auch nicht. Verantwortung bedeutet nicht automatisch, jede mögliche Folge für jeden anderen verhindern zu müssen und sie bedeutet schon gar nicht, dass eine Entscheidung erst dann verantwortungsvoll ist, wenn niemand von ihr betroffen ist. Weil dann dürfte man vermutlich nur noch entscheiden, welche Socken man morgens anzieht und selbst da könnte jemand noch Einwände haben.
Eine Entscheidung mit Tragweite hat gerade deshalb Tragweite, weil sie Wirklichkeit verändert. In erster Linie für einen selbst, dann für andere und manchmal für ein ganzes System. Die Frage kann deshalb nicht sein, wie man jede Wirkung vermeidet, sondern ob man unterscheiden kann, wofür man tatsächlich Verantwortung trägt - und wofür halt nicht.
Vielleicht fehlt gar keine Entscheidung
Und damit kommen wir zu einem merkwürdigen Punkt, denn manchmal sitzt man nicht deshalb fest, weil man noch keine Antwort hat, sondern weil da mehrere Antworten gleichzeitig im Raum stehen.
Die sachliche.
Die erwartete.
Die loyale.
Die ängstliche.
Die vernünftige.
Die gewohnte.
Und irgendwo dazwischen möglicherweise auch die eigene.
Alle reden und selbstverständlich behauptet jede, sie sei die vernünftigste. Das Thema ist dann nicht zwingend, eine bessere Antwort zu finden. Das Thema kann einfach darin liegen, erst einmal zu erkennen, wer da eigentlich gerade antwortet. Das ist etwas anderes als endlose Selbstanalyse, denn man muss nicht jede Entscheidung bis zur Einschulung zurückverfolgen. Nicht jede Unsicherheit braucht eine Diagnose, nicht jedes Zögern ist ein Muster. Und nicht hinter jeder schwierigen Entscheidung wartet ein verdrängtes Trauma mit Namensschild darauf, endlich abgeholt zu werden.
Manchmal ist eine Entscheidung einfach schwierig, weil etwas auf dem Spiel steht und das darf sein!
Dann benötigt es einfach Abstand zur eigenen Antwort und mit diesem Abstand ist nicht Rückzug, Gleichgültigkeit oder das betrifft mich alles nicht, gemeint. Sondern für einen Moment nicht vollständig mit der eigenen Antwort zusammenzufallen. Sie anschauen zu können. Warum erscheint mir genau diese Antwort so selbstverständlich? Nicht, um ihr zu misstrauen, sondern um sie überhaupt wieder sehen zu können.
Denn eine Antwort, die man nicht mehr sehen kann, lässt sich auch nicht mehr prüfen - dann ist sie auch keine Möglichkeit mehr. Dann ist sie Wirklichkeit geworden, bevor überhaupt entschieden wurde. Und vielleicht liegt genau dort ein erstaunlicher Spielraum.
Zwischen: „So ist es.“
und: „So sehe ich es gerade.“
Der kleine feine Abstand, aber manchmal reicht er.
Manchmal liegt längst alles auf dem Tisch
Es gibt Entscheidungen, für die braucht man mehr Informationen. Es gibt Entscheidungen, die brauchen Zeit. Und es gibt Entscheidungen, bei denen tatsächlich noch etwas geklärt werden muss.
Aber es gibt eben auch jene anderen, bei denen man schon sehr lange denkt, sehr viel weiß, sehr viele Menschen gefragt hat und erstaunlich wenig klarer geworden ist. Dann könnte man selbstverständlich noch einen Podcast hören, noch eine Tabelle erstellen, noch eine Nacht darüber schlafen. Man kann sich auch noch ein Buch über Entscheidungsfindung bestellen - es gibt bestimmt eines mit sieben Schritten.
Oder man schaut einfach einmal auf den Tisch.
Nicht nur auf die Informationen, sondern auf alles, was man selbst längst dazwischengelegt hat.
Geschichte.
Erwartungen.
Verantwortung.
Angst.
Loyalität.
Bedeutung.
Das Eigene, das der anderen und die Sache selbst. Nichts davon muss verschwinden und auch so gar nichts davon muss falsch sein, aber vielleicht muss auch nicht alles auf demselben Stapel liegen, denn manchmal fehlt tatsächlich nicht die Antwort.
Sondern nur genügend Abstand zur eigenen Antwort, um wieder unterscheiden zu können, was eigentlich wohin gehört.
Und dann entsteht womöglich etwas, das mehr wert ist als eine schnelle Entscheidung: Spielraum.
Nicht, weil plötzlich alles leicht wäre, sondern weil wieder mehr als nur eine Wirklichkeit sichtbar wird.
Entscheidung braucht Unterscheidung.
Nicole Chilik
INNERE ARCHITEKTUR - Mensch
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