Warum wir so selbstverständlich nach Verursachern suchen und was dabei leicht übersehen werden kann
Etwas stimmt nicht und das merken wir Menschen meistens ziemlich schnell. Manchmal am Körper, dann wird der Schlaf vielleicht schlechter, der Nacken härter, der Atem kürzer. Oder der Magen meldet sich zu Wort, obwohl er bei der ganzen Angelegenheit eigentlich gar nicht gefragt wurde.
Manchmal merken wir es aber auch an unserer Stimmung, dann sind wir gereizter, ungeduldiger, dünnhäutiger. Oder aber auch Müde von Dingen, die uns früher kaum Mühe gemacht haben.
Doch manchmal taucht dieser Eindruck, das etwas nicht stimmt auch mitten in einem Leben auf, gegen das objektiv wenig einzuwenden wäre, denn die Beziehung funktioniert, die Arbeit läuft, die Familie ist versorgt. Die Wohnung ist schön, der Urlaub gebucht, der Kühlschrank voll und trotzdem stimmt etwas nicht ganz. Das ist zunächst keine besonders außergewöhnliche menschliche Erfahrung, interessant wird es allerdings einen Moment später.
Denn kaum bemerken wir, dass etwas nicht stimmt, taucht beinahe automatisch eine zweite Frage auf:
Warum? Und damit beginnt die Suche.
Irgendjemand wird es doch gewesen sein
Wenn etwas mit uns geschieht, suchen wir nach Zusammenhängen. Ja und das ist ausgesprochen sinnvoll. Wer wissen möchte, warum Wasser durch die Decke tropft, sollte schließlich nicht wochenlang über seine persönliche Beziehung zu Feuchtigkeit meditieren. Dann könnte es schlichtweg hilfreich sein, das Loch im Dach zu finden.
Auch Menschen brauchen Erklärungen, denn sie schaffen Orientierung. Wenn ich verstehe, warum etwas geschieht, wird die Welt berechenbarer, denn Ereignisse bekommen einen Zusammenhang und Erfahrungen lassen sich einordnen. Manches, das vorher diffus und bedrohlich wirkte, bekommt plötzlich einen Namen, das kann enorm entlastend sein.
Und so suchen wir
beim anderen
bei den Eltern, bei der Kindheit
beim Partner oder der Partnerin
beim Chef, Schule, Politik, bei der Gesellschaft
bei dieser merkwürdigen Zeit
bei den sozialen Medien
bei den Umständen
und manchmal finden wir tatsächlich etwas.
Der Partner hat gelogen. Der Chef hat eine Entscheidung getroffen, deren Folgen wir tragen. Die Eltern konnten etwas nicht geben, das ein Kind gebraucht hätte. Eine gesellschaftliche Struktur benachteiligt Menschen. Ein Verlust verändert ein Leben. Eine Krankheit verändert Möglichkeiten. Es wäre absurd, so zu tun, als hätten äußere Ereignisse keine Wirkung auf uns.
Natürlich machen Dinge etwas mit uns.
Menschen machen etwas mit uns.
Worte machen etwas mit uns.
Erfahrungen machen etwas mit uns.
Lebensbedingungen machen etwas mit uns.
Und manches davon hätten wir uns ganz sicher nicht ausgesucht. Die Frage ist also nicht, ob etwas auf uns wirkt, denn das tut es. Die interessante Frage beginnt einen kleinen Moment später.
Der Verursacher zieht um
Irgendwann haben viele von uns gelernt, dass es etwas kurz greifen könnte, ausschließlich die anderen verantwortlich zu machen. Also begannen wir, bei uns selbst nachzusehen, das war und ist in vielerlei Hinsicht ein Fortschritt, denn wir beschäftigen uns mit unserer Geschichte. Dann schauen wir nach Bindung, Prägungen, wiederkehrenden Beziehungsmustern, Überzeugungen, Trauma usw.
Wir fragen nicht mehr nur: Warum tut der andere das?
Sondern: Warum macht das so viel mit mir?
Das klingt zunächst nach einer vollkommen anderen Bewegung und häufig ist es das auch. Selbstreflexion kann Zusammenhänge sichtbar machen, die vorher verborgen waren. Eine Diagnose kann diffuse Erfahrungen einordnen. Psychotherapeutische Arbeit kann Leid lindern und neue Möglichkeiten eröffnen. Wissen über Stressreaktionen und körperliche Regulation kann helfen, eigene Reaktionen besser zu verstehen. Es wäre ziemlich töricht, all das kleinzureden und trotzdem lohnt sich ein genauerer Blick. Denn manchmal geschieht etwas ausgesprochen Interessantes:
Dann wechselt der Verursacher lediglich den Wohnort.
Früher war es: Mein Vater ist schuld.
Heute heißt es: Das ist meine Vaterwunde.
Früher: Meine Partnerin macht mich wahnsinnig.
Heute: Sie triggert mein Bindungsmuster.
Früher: Mit mir stimmt etwas nicht.
Heute: Mein Nervensystem ist dysreguliert.
Die Sprache ist zwar differenzierter geworden und die Erklärung möglicherweise ebenfalls, aber die zugrunde liegende Konstruktion kann erstaunlich ähnlich bleiben:
Etwas macht etwas mit mir und ich werde durch dieses Etwas erklärt.
Wenn Erklärungen entlasten
Das muss zunächst überhaupt kein Problem sein, ganz im Gegenteil, denn für einen Menschen kann es zutiefst erleichternd sein zu verstehen, dass eine Reaktion einen nachvollziehbaren Zusammenhang hat.
Plötzlich wird aus: „Was stimmt bloß nicht mit mir?“
etwas anderes: „Ah. Daher könnte das kommen.“
Das ist ein gewaltiger Unterschied, denn Scham kann nachlassen, verwirrung kann sich ordnen, etwas, das vorher wie persönliches Versagen wirkte, wird verständlicher. Manchmal ist ein Begriff, ein Name, eine Einordnung, ein Zusammenhang genau das, was gefehlt hat. Das sollten wir nicht unterschätzen. Nur besitzt jede gute Erklärung eine kleine Verführung: Sie erklärt so gut. Und wenn etwas uns endlich verständlich macht, möchten wir es verständlicherweise behalten.
Dann kann aus: „Ich habe etwas erlebt, das bis heute auf mich wirkt.“
allmählich werden: „So bin ich aufgrund dessen, was ich erlebt habe.“
Und irgendwann vielleicht sogar: „Deshalb kann ich nicht anders.“
Das geschieht nicht zwangsläufig, aber es ist naheliegend. Die Erklärung, die zunächst Raum geschaffen hat, beginnt dann selbst festzulegen, was möglich ist und spätestens dort wird es für die Innere Architektur interessant.
Eine Erklärung ist noch kein Bezug
Das ist eine der Unterscheidungen, die innerhalb von IAM immer wieder auftaucht: Ereignis und Bezug zum Ereignis sind nicht dasselbe.
Das Ereignis kann real schmerzhaft, ungerecht, schön, verstörend, lebensverändernd und oder unwiderruflich sein, daran muss nichts umgedeutet werden.
Denn wenn ein Mensch verlassen wurde, wurde er verlassen.
Wenn jemand gestorben ist, ist dieser Mensch einfach nicht mehr da.
Wenn Vertrauen gebrochen wurde, ist etwas bewegendes geschehen.
Wenn ein Körper erkrankt, verändert das möglicherweise den gesamten Alltag.
Wenn ein Mensch Gewalt erfahren hat, wird daraus nicht deshalb eine andere Vergangenheit, weil er irgendwann einen anderen Bezug dazu findet.
Innere Architektur bedeutet nicht, Wirklichkeit wegzudenken und schon gar nicht bedeutet sie: „Es kommt nur darauf an, was du daraus machst.“ Manche Sätze klingen verdammt lebensklug, solange man sie nicht in einem wirklichen Leben anwenden muss.
IAM interessiert eine feinere Unterscheidung: Was ist geschehen?
Und: Aus welchem Bezug begegne ich heute dem, was geschehen ist?
Dazwischen liegt kein magischer Ort vollständiger Freiheit. Wir sind keine Wesen ohne Geschichte, Körper, Beziehungen, soziale Bedingungen und Begrenzungen. Aber Ereignis und Bezug vollständig gleichzusetzen, würde bedeuten, dass das, was geschehen ist, nicht nur Teil meiner Geschichte ist, sondern dauerhaft festlegt, wie ich ihm begegnen kann und genau das lohnt sich zu untersuchen.
Der Kopf hat es verstanden - der Körper offenbar nicht.
Besonders sichtbar wird diese Unterscheidung dort, wo Menschen etwas längst verstanden haben.
Da sitzt jemand und sagt: „Ich weiß, dass ich heute sicher bin.“ Und der Körper reagiert trotzdem, denn der Atem wird flacher, die Hände kalt, das Herz schlägt schneller, die Schultern ziehen hoch. Der Bauch spannt sich an und der Mensch weiß etwas und dennoch erlebt er gleichzeitig etwas anderes. Das ist kein Widerspruch, der durch noch mehr Denken verschwinden muss, sondern es zeigt zunächst nur: Ein Mensch ist mehr als seine Erklärung.
Innerhalb der Inneren Architektur betrachten wir menschliches Erleben deshalb nicht ausschließlich auf einer Ebene.
Da ist die mentale und psychosoziale Ebene – re:MENTIA. Sie nimmt wahr, deutet, erinnert, bewertet, bildet Bedeutungen und Zusammenhänge.
Da ist die körperlich-biologische Ebene – re:TERIA. Sie trägt, reagiert, reguliert, spannt an, entspannt, schützt, erschöpft und regeneriert.
Und da ist die existentielle Ebene – reE:SONIA. Dort tauchen Fragen auf, die sich weder durch einen Gedanken noch durch einen niedrigeren Puls vollständig beantworten lassen:
Stimmt dieses Leben eigentlich noch mit mir überein?
Wo ist mein Platz?
Was ist mir wirklich wichtig?
Was davon bin ich bereit zu tragen?
Drei Ebenen - ein Mensch und sie müssen keineswegs gleichzeitig zu demselben Ergebnis kommen. Der Kopf kann längst verstanden haben, der Körper kann weiterhin reagieren und irgendwo darunter oder daneben kann etwas ganz ruhig wissen: Ich möchte so nicht mehr leben. Oder ebenso: Ich möchte genau hier bleiben. Das ist keine Störung der menschlichen Architektur, das genau ist menschliche Architektur.
Wenn der Körper zum nächsten Verursacher wird
Auch hier lohnt sich Aufmerksamkeit, denn seit Begriffe wie Nervensystem, Vagusnerv, Regulation und Stressreaktion stärker in die öffentliche Sprache eingezogen sind, können Menschen ihre körperlichen Erfahrungen differenzierter verstehen. Das ist äußerst wertvoll, nur können auch diese Begriffe beginnen, eine ähnliche Funktion zu übernehmen wie frühere Erklärungen.
Dann ist es nämlich plötzlich:
mein Nervensystem, das etwas nicht zulässt
mein Körper, der Nein sagt
mein Stresssystem, das entscheidet
Auch hier ist Vorsicht mit Vereinfachungen angebracht, ja körperliche Reaktionen sind real, sie können auch wichtige Informationen enthalten, aber ein erhöhter Puls ist noch keine Lebensentscheidung. Ein Gefühl von Enge beantwortet nicht automatisch die Frage, ob eine Beziehung beendet werden sollte. Entspannung ist nicht automatisch Zustimmung und Anspannung ist nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass etwas falsch ist, denn manchmal sind wir auch angespannt, weil etwas neu ist. Manchmal auch weil etwas wichtig ist und manchmal weil tatsächlich etwas gefährlich ist. Doch manchmal auch weil unser Körper Ähnlichkeiten mit früheren Erfahrungen erkennt oder schlicht weil wir zu viel Kaffee hatten.
Das alles darf in einem menschlichen Modell vorkommen, denn der Körper ist schließlich keine Maschine, aber er ist auch kein unfehlbares Orakel. Er gehört zum Menschen und deshalb verdient er Aufmerksamkeit, ohne zum nächsten alleinigen Verursacher unserer Wirklichkeit gemacht zu werden.
Wir haben heute sehr viele Wörter für uns
Noch nie war psychologisches Wissen für so viele Menschen so leicht zugänglich, ein Smartphone genügt und
- Trauma
- Trigger
- Attachment Style
- People Pleasing
- Parentifizierung
- toxische Beziehung
- Narzissmus
- Hochsensibilität
- Dysregulation
- Glaubenssätze
- Bindungsangst
- Selbstsabotage
- Inneres Kind
Man kann morgens beim Kaffee bereits drei neue Gründe dafür finden, warum man gestern Abend so reagiert hat. Und wenn nicht, hilft der Algorithmus meistens spätestens bis Mittag nach. Das ist ein bisschen lustig und gleichzeitig überhaupt nicht banal. Denn Sprache verändert, was wir an uns wahrnehmen können. Ein Begriff kann etwas sichtbar machen, das vorher namenlos war, das ist zwar eine enorme Möglichkeit, aber Begriffe können den Blick auch verengen.
Wer gerade gelernt hat, was ein Hammer ist, entdeckt bekanntlich erstaunlich viele Nägel.
Wer gerade viel über Narzissmus liest, begegnet möglicherweise plötzlich auffallend vielen Narzissten.
Wer Bindungsmuster entdeckt hat, beginnt Beziehungen durch diese Linse zu betrachten.
Wer sich intensiv mit Trauma beschäftigt, erkennt möglicherweise immer mehr Erfahrungen als Folgen davon.
Manches davon trifft zu, manches aber vielleicht auch nicht. Die entscheidende Frage ist nicht, ob diese Konzepte gut oder schlecht sind. Sie sind alle Werkzeuge der Beschreibung.
Viel interessanter zumindestens für mich - ist:
Was geschieht mit meinem Bezug zu mir, wenn eine Beschreibung beginnt, mich vollständig zu erklären?
Ich bin nicht meine Diagnose - aber ich bin auch nicht unabhängig von ihr - auch hier geraten wir schnell in gut gemeinte Vereinfachungen. „Du bist nicht deine Diagnose.“ Der Satz möchte einen Menschen größer machen als eine medizinische oder psychologische Einordnung. Das ist auch verständlich, nur sitzt die Diagnose am Abend trotzdem mit am Küchentisch. Sie kann Termine, Pläne, Beziehungen, Arbeit, Geld, Sexualität, Energie, Zukunftsvorstellungen verändern. Sie kann Angst machen, entlasten, etwas bestätigen, das lange niemand verstanden hat. Oder einen Menschen gar zunächst vollkommen aus der Bahn werfen. Natürlich ist der Mensch nicht mit seiner Diagnose identisch, aber daraus folgt nicht, dass sie nichts mit seinem Leben macht.
Dasselbe gilt für unsere Geschichte, ich bin nicht meine Vergangenheit und trotzdem wäre es merkwürdig zu behaupten, sie habe nichts mit mir zu tun.
IAM versucht deshalb nicht, den Menschen von seinen Erfahrungen zu trennen.
Die Frage lautet also nicht: Wie werde ich endlich unabhängig von allem, was mich geprägt hat? Das wäre eine ziemlich einsame Vorstellung von Menschsein, denn wir sind bezogene Wesen. Wir entstehen in Beziehung und wir leben in Beziehung. Wir werden berührt, geprägt, verletzt, unterstützt, gesehen, übersehen, gehalten, verlassen, geliebt, enttäuscht. Natürlich macht das etwas mit uns. Die entscheidende Bewegung besteht nicht darin, so zu tun, als wäre das alles bedeutungslos, sondern darin, lediglich genauer zu unterscheiden:
Was gehört zu meiner Geschichte?
Was wirkt heute?
Und was davon bestimmt meinen gegenwärtigen Bezug zu mir, zu anderen und zur Welt?
Wenn mein Erleben plötzlich dein Auftrag wird
An dieser Stelle verändert sich die Perspektive, denn das, was etwas mit mir macht, bleibt nicht zwangsläufig bei mir. Es tritt mit mir in Beziehung zu anderen.
Ein Satz fällt - er verletzt mich, das ist zunächst eine Information über mein Erleben. Dieser Satz hat mich verletzt. Das kann ausgesprochen wichtig sein, denn es kann bedeuten, dass eine Grenze überschritten wurde. Es kann etwas über die Beziehung zeigen, etwas Altes berührt haben oder es kann schlicht ein gedankenloser, grausamer oder unpassender Satz gewesen sein. Interessant wird der nächste Schritt.
Denn aus: „Das verletzt mich.“
kann werden: „Du darfst das nicht sagen.“
Manchmal ist diese Grenze vollkommen angemessen, Menschen müssen nicht jede Behandlung hinnehmen. Aber manchmal geschieht auch etwas anderes: Dann wird mein inneres Erleben zur Begründung dafür, wie der andere sich verhalten muss. Dann beginnt mein Bezug zu mir, deinen Bewegungsraum zu organisieren. Und umgekehrt geschieht dasselbe, denn der andere kann sagen: „Du reagierst nur so, weil du getriggert bist.“ Auch sehr praktisch, denn meine Reaktion wurde erklärt, damit muss er sich mit dem, was ich sage, möglicherweise gar nicht mehr beschäftigen.
Auf beiden Seiten kann psychologische Sprache dann eine merkwürdige Funktion übernehmen: Sie beendet Kontakt, während sie vorgibt, ihn zu erklären.
Der andere ist nicht die Ursache meiner gesamten Wirklichkeit
Das ist ein anspruchsvoller Satz, denn andere Menschen haben selbstverständlich Einfluss auf unser Leben - enormen sogar.
Eine Trennung kann eine Zukunft zerlegen, die man für selbstverständlich hielt.
Ein Verrat kann Vertrauen verändern.
Ein liebevoller Mensch kann Möglichkeiten öffnen, die vorher kaum vorstellbar waren.
Ein Kind verändert das Leben seiner Eltern.
Ein Chef kann Arbeitsbedingungen schaffen, die Menschen krank machen.
Gesellschaftliche Entscheidungen haben reale Folgen.
Wir leben nicht in voneinander abgeschlossenen Innenwelten. Und trotzdem: Wenn mein gesamter Bezug zu meinem Leben davon abhängt, dass andere Menschen sich so verhalten, wie ich es brauche, wird mein Leben ausgesprochen eng.
Dann lautet die unausgesprochene Bedingung: Wenn du anders wärst, könnte es mir gut gehen.
Das kann sich auf einen Partner, Eltern, auf jede Art von Beziehung handeln. Auch Politiker, auf ganze gesellschaftliche Gruppen und manchmal sogar auf „die Menschen“ im Allgemeinen.
Warum sehen die anderen nicht, was doch offensichtlich ist?
Warum verstehen sie es nicht?
Warum ändern sie sich nicht?
Warum machen sie alles kaputt?
Das sind alles nachvollziehbare Fragen, aber sie können einen Menschen sehr lange beschäftigen, vor allem deshalb, weil die Antwort meistens bei jemand anderem liegt.
Und die Welt erst
Die zweite Kontaktachse der Inneren Architektur umfasst nicht nur unseren Bezug zu einzelnen Menschen, sondern auch unseren Bezug zur Welt und die Welt liefert reichlich Material.
- Krisen
- Kriege
- Technologische Veränderungen
- Politische Auseinandersetzungen
- Klimafragen
- Identitätsdebatten
- Wirtschaftliche Unsicherheit
- Künstliche Intelligenz
- Soziale Medien.
Eine Nachricht folgt auf die nächste. Jeder Bezu kann uns erklären, warum wir besorgt, empört, hoffnungsvoll oder wütend sein sollten. Es ist auch kaum möglich, vollkommen unbeeinflusst davon zu bleiben. Vielleicht wäre das nicht einmal wünschenswert. Ein Mensch, dem die Welt überhaupt nichts mehr macht, wäre auch nicht unbedingt besonders frei - vielleicht nur sehr weit weg.
Die Frage der Inneren Architektur ist deshalb auch hier nicht: Wie schütze ich mich davor, dass die Welt etwas mit mir macht?
Sondern: Wie bin ich mit einer Welt in Bezug, die ich weder vollständig kontrollieren noch vollständig ausblenden kann?
Das ist etwas vollkommen anderes.
Ich kann betroffen sein, ohne von jeder Betroffenheit vollständig bestimmt zu werden.
Ich kann mich engagieren, ohne jede Nachricht zu meiner persönlichen Alarmanlage zu machen.
Ich kann widersprechen, ohne mein gesamtes Gegenüber zum Feind zu erklären.
Ich kann nicht einverstanden sein und trotzdem in Kontakt bleiben.
Nicht immer, nicht um jeden Preis, aber häufiger, als es manchmal scheint.
Vielleicht ist ja Selbstreflexion nicht immer Selbstbezug
Das ist eine Unterscheidung, die mir besonders wichtig erscheint, denn wir können uns sehr intensiv mit uns beschäftigen und trotzdem erstaunlich wenig mit uns in Kontakt sein. Wir können unsere Muster kennen, Trigger aufzählen, die Kindheit analysieren, unsere Bindungsstrategie benennen, die Persönlichkeitsstruktur testen, Stressreaktionen beobachten. Und dabei die ganze Zeit versuchen herauszufinden: Was stimmt mit mir nicht?
Das ist Selbstbeschäftigung, aber nicht zwangsläufig Selbstbezug, denn Selbstbezug könnte viel unspektakulärer sein.
Nicht: Warum bin ich so?
Sondern zunächst: Was ist gerade da?
Nicht: Welche meiner Prägungen verursacht das?
Sondern: Wie begegne ich dem gerade?
Nicht: Wie bekomme ich das weg?
Sondern vielleicht sogar: Muss es überhaupt weg?
Das sind keine besseren Fragen und schon gar keine Methode, sie verändern lediglich die Blickrichtung. Weg vom Menschen als Problem, das erklärt werden muss, hin zum Menschen als jemandem, der in Bezug steht.
Zu sich.
Zu anderen.
Zur Welt.
Das bedeutet nicht: selbst schuld
An dieser Stelle lauert ein Missverständnis, das ich lieber ausdrücklich aus dem Weg räume. Wenn wir den eigenen Bezug betrachten, bedeutet das nicht: Dann bist du eben nur selbst verantwortlich dafür, wie es dir geht. Das wäre nicht nur grob, es wäre häufig schlicht falsch. Menschen erleben Dinge, die sie nicht verursacht haben, sie werden verletzt, sie erkranken und verlieren. Menschen geraten in Bedingungen, die sie nicht gewählt haben.
Ein Kind trägt keine Verantwortung dafür, wie Erwachsene mit ihm umgehen.
Ein Mensch trägt nicht die Schuld daran, Opfer von Gewalt geworden zu sein.
Und jemand, dessen Körper krank ist, hat nicht versagt, weil er seinen „Bezug“ noch nicht richtig sortiert hat.
Innere Architektur ist keine raffiniertere Form von: Du musst nur anders denken. Gerade deshalb ist die Unterscheidung zwischen Ereignis und Bezug so wichtig, denn sie nimmt dem Ereignis nichts von seiner Realität. Sie fügt lediglich etwas hinzu: den Menschen, der ihm begegnet. Nicht als Schuldigen, sondern als Beteiligten am eigenen gegenwärtigen Leben - das ist etwas völlig anderes.
Vielleicht brauchen wir nicht immer einen Verursacher. Ja manchmal gibt es einen und es ist äußerst wichtig, ihn zu benennen. Manchmal gibt es sogar viele. Manchmal kennen wir sie nicht einmal. Manchmal ist die Suche medizinisch, psychologisch, juristisch oder gesellschaftlich notwendig. Und manchmal verbringen wir jedoch Jahre damit, die perfekte Erklärung dafür zu finden, warum wir dort stehen, wo wir stehen.
Vielleicht finden wir sie sogar, dann wissen wir: wegen der Kindheit, dieser Beziehung, jener Entscheidung. Wegen des Körpers, der Gesellschaft, des Musters, des Traumas, der Gene, wegen der Umstände. Alles verstanden und dann geschieht etwas beinahe Unverschämtes, denn der nächste Morgen kommt trotzdem.
Da stehe ich jetzt.
Ich mag diesen Satz, nicht, weil er besonders klug wäre, ganz im Gegenteil, denn er erklärt überhaupt nichts. Er sagt weder, warum ich hier bin, er sagt auch nicht, wer schuld ist, noch sagt er, ob ich mich richtig oder falsch entwickelt habe. Er sagt nicht einmal, was ich als Nächstes tun sollte, denn er stellt lediglich einen Standort fest - da stehe ich jetzt. Mit allem was ich bekommen habe und allem, was mir gefehlt hat. Mit Dingen, die ich längst verstanden habe und mit ein paar Dingen, bei denen ich vermutlich noch in zwanzig Jahren keine Ahnung haben werde.
Da stehe ich, das ist erstaunlich wenig und gleichzeitig ziemlich viel. Denn in diesem Satz muss nichts von dem verschwinden, was mich geprägt hat. Ich muss meine Vergangenheit nicht überwinden. Meine Geschichte nicht umschreiben. Meinen Körper auch nicht überzeugen. Andere Menschen nicht nachträglich zu den Menschen machen, die ich damals gebraucht hätte und die Welt nicht erst in Ordnung bringen.
Nichts davon, es darf alles zunächst da sein und ich ebenfalls.
Etwas macht etwas mit mir
Am Anfang dieses Textes klang dieser Satz fast wie eine Ursache-Wirkungs-Beziehung. Etwas geschieht und ich werde davon bewirkt. Am Ende möchte ich ihn nicht umdrehen.
Ich möchte nicht daraus machen: „Nur ich entscheide, was etwas mit mir macht.“ Auch das wäre mir zu klein, zu kontrolliert und zu weit weg vom wirklichen Menschen.
Wir können nicht vollständig bestimmen, was uns berührt, zum Glück nicht.
Wir können nicht entscheiden, niemals verletzt zu werden.
Wir können nicht festlegen, wen wir lieben.
Nicht jede körperliche Reaktion wählen.
Nicht jeden Verlust verhindern.
Nicht jedes Gefühl bestellen und wieder abbestellen.
Ein Leben, in dem nichts mehr etwas mit uns machen könnte, wäre vielleicht sehr sicher, aber vermutlich auch ziemlich leblos.
Also ja: Etwas macht etwas mit mir, PUNKT.
Und gleichzeitig bin da noch ich, nicht außerhalb meiner Geschichte, unabhängig von meinem Körper, losgelöst von anderen und nicht unberührt von der Welt.
Mittendrin.
Mit der Möglichkeit, wahrzunehmen, wie ich in Bezug stehe und
manchmal verändert sich dadurch etwas und manchmal auch nicht.
Manchmal wird etwas klar, doch manchmal bleibt es auch widersprüchlich.
Manchmal braucht ein Mensch Unterstützung.
Manchmal Behandlung.
Manchmal Schutz.
Manchmal Abstand.
Und manchmal tatsächlich nur einen Moment, in dem nicht sofort die nächste Erklärung folgen muss.
Dann bleibt vielleicht einfach nur: Da stehe ich jetzt.
Und aus Sicht der Inneren Architektur beginnt genau dort eine Frage, die weniger danach sucht, was mit diesem Menschen nicht stimmt, denn sie interessiert sich viel mehr für etwas anderes:
Aus welchem Bezug begegne ich dem, was mit mir geschieht?
Keine Antwort zum Ankreuzen, keine fünf Schritte und keine neue Aufgabe für morgen früh - nur eine andere Stelle, von der aus man schauen kann und vielleicht etwas findet, was man vorher übersehen hat.
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