Wie man den eigenen Frieden bewahrt, wenn um einen herum der reinste Zirkus tobt

Es gibt Tage, da hat man selbst eigentlich gar kein Problem, bis jemand anruft oder schreibt oder etwas sagt, das man unmöglich so stehen lassen kann. Im Büro eskaliert eine Angelegenheit, mit der man bis eben nichts zu tun hatte. In der Familie reicht ein Satz, und plötzlich sitzen zwanzig Jahre Geschichte mit am Tisch. Irgendwo im Netz sagt irgendein Mensch irgendeinen Unsinn, und obwohl dieser Mensch weder den eigenen Namen kennt noch jemals zum Kaffee vorbeikommen wird, schafft er es erstaunlicherweise bis ins eigene Wohnzimmer.

Und dann sind da noch die kleinen Dinge.

Der Tonfall.
Die Erwartung.
Die Nachricht mit „Wir müssen reden“.
Das Problem eines anderen, das vorsorglich vor den eigenen Füßen abgestellt wird.

Willkommen.

In the Middle of the Bullshit.

Die übliche Empfehlung lautet dann ungefähr: Grenzen setzen, Energie schützen, bei sich bleiben. Loslassen oder nicht alles so persönlich nehmen. Das Alles ist nicht völlig verkehrt und doch interessiert mich mal wieder eine andere Frage:

Muss das, was um mich herum geschieht, auch in mir stattfinden?

Denn natürlich wirkt die Welt auf uns. Menschen wirken auf uns. Worte tun es. Konflikte, Nachrichten, Erwartungen, Ungerechtigkeit, Angst und die bemerkenswerte Fähigkeit anderer Menschen, genau dann schwierig zu werden, wenn man selbst eigentlich einen ausgesprochen guten Tag hatte.

Aber zwischen „Etwas wirkt auf mich“

und „Ich mache es zu meiner Wirklichkeit“

liegt ein Unterschied und ich finde, der ist größer, als er zunächst aussieht.


Nicht alles, was einen erreicht, gehört deshalb zu einem

Wir sind erstaunlich schnell darin, etwas zu beziehen.

Jemand ist enttäuscht – und man beginnt sich zu rechtfertigen.

Jemand ist wütend – und man sucht nach dem eigenen Fehler.

Jemand erwartet etwas – und schon prüft man, wie man es möglich machen könnte.

Jemand stellt eine Behauptung in den Raum – und plötzlich verbringt man den halben Vormittag damit, sie innerlich zu widerlegen.

Manchmal ist das völlig in Ordnung, denn vielleicht hat man tatsächlich etwas getan. Vielleicht trägt man Verantwortung. Vielleicht ist eine Grenze überschritten worden, bei der Schweigen keine Haltung, sondern Bequemlichkeit wäre.

Aber manchmal geschieht etwas vollkommen anderes: Etwas kommt in unseren Wahrnehmungsraum und wir behandeln es, als hätte es damit automatisch Anspruch auf einen Platz in unserem inneren Raum erworben.

Hat es nicht.

Nicht alles, was auf einen wirkt, gehört deshalb zu einem und nicht alles, was einen erreicht, verlangt einen Bezug. Das ist keine Gleichgültigkeit, sondern es ist eine Unterscheidung.


Aufmerksamkeit ist nicht nichts

Aufmerksamkeit klingt zunächst harmlos. Man schaut eben hin. Doch Aufmerksamkeit ist bereits eine Form von Bezug. Was meine Aufmerksamkeit bekommt, bekommt einen Platz in meiner gegenwärtigen Wirklichkeit. Ich beschäftige mich damit, richte mich darauf aus, reagiere darauf. Vielleicht beginne ich, mich innerlich darum zu organisieren.

Das ist manchmal notwendig.

Wer ein Kind auf die Straße laufen sieht, sollte sich nicht erst bei einer Tasse Tee fragen, ob dieses Ereignis wirklich zum eigenen Bezugsraum gehört. Manche Dinge verlangen unmittelbar unsere Aufmerksamkeit, andere bekommen sie nur, weil sie laut sind und Lautstärke besitzt eine erstaunliche Begabung, sich als Bedeutung zu verkleiden.

Das Dringende drängt sich vor das Wichtige.
Das Empörende vor das Wesentliche.
Die Meinung eines anderen vor die eigene Wahrnehmung.
Das Problem eines anderen vor das, was man selbst gerade getan hat.
Und ehe man sich versieht, verbringt man einen erheblichen Teil des Tages in Wirklichkeiten, die andere Menschen mitgebracht haben.

Nicht alles Dringliche ist wichtig,
nicht alles Wichtige ist meines
und nicht alles, was meine Aufmerksamkeit bekommt, sollte sie behalten.

Vielleicht ist Aufmerksamkeit deshalb nicht nur eine Frage von Konzentration, sondern auch eine Frage des Bezugs.

Die Welt darf draußen durchaus verrücktspielen. Ich weiß das klingt zunächst fast unhöflich, denn wir haben schließlich gelernt, dass ein guter Mensch Anteil nimmt.
Ein verantwortungsvoller Mensch kümmert sich.
Ein empathischer Mensch hört zu.
Ein aufgeklärter Mensch informiert sich.
Ein engagierter Mensch bezieht Stellung.
Ein sozialer Mensch reagiert.
Und ein Mensch mit Internetanschluss hat offenbar zusätzlich die Aufgabe übernommen, zu ungefähr allem eine Haltung entwickeln zu müssen.
Das ist echt eine Menge Gutmensch. Vor allem, weil die Welt ihre Produktionsgeschwindigkeit für Angelegenheiten, zu denen man sich verhalten könnte, in den vergangenen Jahren nicht gerade gedrosselt hat.

Kriege. Krisen. Politik. Nachbarschaft. Familie. Unternehmen. soziale Medien. Beziehungen. Nachrichten. Kommentare. Gruppenchats.

Überall geschieht etwas und überall scheint jemand zu wissen, was man darüber denken, fühlen oder tun müsste. Eigentlich könnte man ein ganzes Leben damit verbringen, auf die Wirklichkeit anderer Menschen zu reagieren und dabei die eigene verpassen.

Das bedeutet nicht, dass uns die Welt nichts angeht, das meine ich nicht damit, sondern ganz im Gegenteil. Denn wir können ihr sogar besser begegnen, wenn nicht alles, was in ihr geschieht, sofort unser Inneres besetzt. Ein Mensch, der auf alles reagiert, ist nicht automatisch besonders verbunden mit der Welt, manchmal ist er einfach nur verdammt beschäftigt mit ihr.


„Nicht mein Bullshit“ ist noch keine Haltung

Hier wird es allerdings interessant, denn die Idee, nicht alles zu sich nehmen zu müssen, hat eine ausgesprochen bequeme kleine Hintertür. Man kann einfach mal durch sie verschwinden.

„Nicht meins.“

„Nicht meine Verantwortung.“

„Damit habe ich nichts zu tun.“

„Ich schütze meinen Frieden.“

Das klingt wunderbar aufgeräumt, kann aber auch genauso gut bedeuten: Ich möchte damit nichts zu tun haben. Das ist also nicht dasselbe. Die Innere Architektur interessiert sich nicht für eine möglichst elegante Methode, unangenehme Wirklichkeit draußen zu halten. Denn manchmal steht vor einem tatsächlich der eigene Bullshit und er sieht nur zufällig aus wie der eines anderen.

Vielleicht ist jemand wütend, weil man eine Grenze überschritten hat.

Vielleicht verlangt eine Situation eine Entscheidung, die man seit Wochen vermeidet.

Vielleicht betrifft einen ein Konflikt sehr wohl.

Vielleicht ist das schlechte Gewissen nicht bloß ein lästiges Gefühl, das man „loslassen“ sollte, sondern ein ziemlich brauchbarer Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt.

Vielleicht ist Schweigen keine Gelassenheit.

Vielleicht ist es Angst.

Vielleicht ist Rückzug kein eigener Stand.

Vielleicht ist es Vermeidung.

Und vielleicht ist das, was einem gerade den Seelenfrieden raubt, tatsächlich etwas, zu dem man sich verhalten muss
- deshalb reicht die Frage „Ist das meins?“ allein oft nicht.
Es braucht eine zweite: „Gehört es wirklich nicht zu mir oder möchte ich nur nicht, dass es zu mir gehört?“

Das kann allerdings unangenehm werden, doch Unterscheidung ist nicht dafür da, uns immer recht zu geben, sondern sie soll sichtbar machen, was wohin gehört.


Zwischen Wirkung und Übernahme

Etwas kann mich treffen, ohne mir zu gehören, ich bin mir bewusst, dass das ersteinmal widersprüchlich klingt. Ist es aber keineswegs.

Ein Mensch kann mich beleidigen - seine Worte wirken.

Eine Nachricht kann mich erschrecken - auch sie wirkt.

Die Angst eines anderen kann mich berühren - Wirkung.

Eine gesellschaftliche Entwicklung kann mich beunruhigen und ein Konflikt kann meinen Körper in Alarm versetzen - all das ist wirklich.

Innere Architektur behauptet nicht, man müsse nur den richtigen Bezug finden und schon perle die Welt an einem ab wie Regen an einer frisch imprägnierten Outdoorjacke, so funktioniert der Mensch nicht. Wir sind keine geschlossenen Systeme, denn wir stehen in Beziehung und wir reagieren. Wir werden berührt, irritiert, verletzt, begeistert, erschüttert und manchmal vollkommen aus der Bahn geworfen.

Bezug bedeutet nicht Wirkungslosigkeit.

Aber Wirkung und Übernahme sind nicht dasselbe, denn ich kann wahrnehmen, dass etwas etwas mit mir macht, ohne daraus sofort schließen zu müssen, dass ich mich danach richten muss. Ich kann die Angst eines anderen spüren, ohne sie zu meiner Entscheidung zu machen. Ich kann auch eine Erwartung wahrnehmen, ohne sie erfüllen zu müssen. Genauso kann ich Kritik hören, ohne sie entweder sofort zurückzuweisen oder zu meiner Wahrheit zu erklären. Ich kann auch einen Konflikt sehen, ohne automatisch seine Verantwortung zu übernehmen. Und ich kann tief betroffen sein, ohne mich vollständig von dem organisieren zu lassen, was mich betrifft. Ich denke genau dort liegt ein Stück Freiheit, das sich jeder Mensch erobern kann.

Nicht darin, unbeeinflussbar zu werden, sondern darin, beeinflussbar zu bleiben, ohne sich jedem Einfluss zu überlassen.


Und dann kommt irgendeine Vollhonk

Es wäre allerdings gelogen, so zu tun, als ließe sich das alles immer mit großer innerer Würde bewältigen. Manchmal hat man sauber unterschieden und man weiß, was zu einem gehört. Man kennt sogar die eigene Verantwortung. Man hat sogar ausgesprochen vernünftig entschieden, worauf man seine Aufmerksamkeit richten möchte. Und dann kommt irgendeine Affe, natürlich nicht zwingend ein echter. Aber eine jener menschlichen Varianten, die mit erstaunlicher Präzision herausfinden, welcher Satz noch gefehlt hat, damit die gesamte schöne innere Ordnung für einen Moment die Treppe hinunterfällt. Ja, auch das passiert und auch Menschen mit reflektiertem Bezug haben ein Nervensystem und eine Geschichte und Grenzen. Und gelegentlich einfach mal echt schlechte Laune. Der Anspruch kann deshalb nicht sein, über allem zu schweben.

Seelenfrieden ist kein Zustand permanenter Unberührbarkeit.

Wenn ich so darüber nachdenke, ist er vielleicht überhaupt weniger ein Zustand, als wir denken. Vielleicht zeigt er sich ja gerade darin, dass man zurückkehren kann.

Zum eigenen Stand.

Zur eigenen Wahrnehmung.

Zu dem, was tatsächlich da ist.

Zu der Frage: Was davon gehört jetzt wirklich zu mir?

Und manchmal lautet die Antwort: NICHTS! Dann darf der Affe einfach weiterziehen, denn man muss nicht jeden Ball zurückwerfen

Vielleicht kennen wir deshalb den Satz: „Das kann man doch nicht einfach so im Raum stehen lassen.“ und doch, manchmal kann man genau das. Etwas darf im Raum stehen, ohne dass man es zu sich nehmen muss. Eine Meinung, Unterstellung, Provokation, Erwartung und eine Einladung zum Streit. Man muss nicht jeden Ball zurückwerfen, nur weil jemand ihn über den Zaun geschossen hat. Ich weiß das ist besonders schwierig, wenn man gelernt hat, schnell Verantwortung zu übernehmen oder Harmonie herzustellen. Wenn man gewohnt ist Missverständnisse sofort zu klären oder man das Bild, das andere von einem haben, korrigieren zu wollen. Dann fühlt sich Nicht-Reagieren schnell falsch an, machmal fast fahrlässig. Als müsse man doch noch erklären, richtigstellen, befrieden, retten oder wenigstens dafür sorgen, dass alle Beteiligten verstanden haben, wie es eigentlich gemeint war.

Ja, manchmal ist das notwendig und manchmal ist es schlicht eine sehr aufwendige Art, sich von der Wirklichkeit anderer Menschen abhängig zu machen, denn nicht jede falsche Vorstellung über mich braucht meine Korrektur. Nicht jede Erwartung meine Antwort. Nicht jede Provokation meinen Gegenentwurf. Nicht jedes Problem meine Lösung. Und ganz sicher nicht jede Affe oder Vollhonk meine Aufmerksamkeit.


Seelenfrieden ist keine sterile Zone

Vielleicht stellen wir uns Frieden zu oft als Abwesenheit vor von Konflikten, Irritationen, auch Ängsten. Keine schwierigen Menschen, keine Zumutung und am besten keine Nachrichten mehr nach 18 Uhr. Also eine wunderbar gepflegte innere Anlage, in der bitte niemand den Rasen betritt. Nur hat das sehr wenig mit Leben zu tun, denn Leben ist Kontakt und Kontakt bedeutet Wirkung.

Menschen werden uns enttäuschen und wir werden andere enttäuschen.
Wir werden Dinge hören, die wir nicht hören wollten.
Entscheidungen treffen, deren Folgen nicht allen gefallen.
Wir werden uns irren und Verantwortung übernehmen müssen.
Mit Umständen leben, die wir uns nicht ausgesucht haben.

Ja und manchmal wird um uns herum tatsächlich der reinste Zirkus toben doch die entscheidende Frage ist vielleicht nicht, wie man ihn beendet, sondern: Muss ich deshalb da jetzt mitspielen? Seelenfrieden entsteht dann nicht dadurch, dass die Welt endlich vernünftig wird, denn das wäre angesichts der bisherigen Menschheitsgeschichte ohnehin ein ambitionierter Zeitplan. Er entsteht eher dort, wo man unterscheiden kann:

Was geschieht.

Was davon auf mich wirkt.

Was davon zu mir gehört.

Wofür ich Verantwortung trage.

Worauf ich antworten möchte.

Und was ich dort lassen kann, wo es entstanden ist, denn Seelenfrieden ist nicht die Abwesenheit von Bullshit, sondern die Freiheit, nicht jeden Bullshit zur eigenen Wirklichkeit machen zu müssen. Das bedeutet nicht, sich aus der Welt zurückzuziehen, vielleicht bedeutet es sogar das Gegenteil. Denn wer nicht fortwährend mit allem beschäftigt ist, was auf ihn einwirkt, hat wieder Spielraum für das, wozu er tatsächlich in Bezug treten möchte.
Für Menschen, die ihm wirklich wichtig sind.

Für eine Arbeit, die etwas bedeutet.

Für Entscheidungen, für die er Verantwortung trägt.

Für das eigene Leben, für die Welt dort, wo er tatsächlich etwas beitragen kann und wenn ich mir das so genau überlege, ist das vielleicht eine der unterschätzten Freiheiten überhaupt: Nicht nur entscheiden zu können, was einem begegnet. Nicht verhindern zu können, dass etwas auf einen wirkt. Aber immer wieder unterscheiden zu lernen, was davon die eigene Wirklichkeit mitgestalten darf.

Der Zirkus darf stattfinden, man muss nur nicht jedes Mal eine Eintrittskarte kaufen.
Und wenn doch? Dann kann man wenigstens irgendwann wieder nach Hause gehen.

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