Über alte Versprechen, verschüttete Eigenheit und ob Treue zu sich selbst Festhalten und Wiederfinden bedeutet.

Ich habe da so ne Kruschkiste. So eine Kiste, die man irgendwann einmal sehr ordentlich mit Dingen gefüllt hat, die offenbar unbedingt aufbewahrt werden mussten und irgendwann Jahre später, man bei vielem gar nicht mehr weiß, warum. Diese Kiste habe ich geöffnet um sie zu bereinigen, denn schließlich hat alles so seine Zeit. Zwischen Fotos, Papieren und den üblichen Beweisen dafür, dass man einmal andere Dinge wichtig fand, lag mein altes Tagebuch.

Natürlich habe ich es aufgeschlagen, obwohl ich jetzt im nachhinein denke, dass man alte Tagebücher vielleicht mit einem Warnhinweis versehen sollte.

„Kann eine frühere Versionen der eigenen Person enthalten.“ Ja, und da war sie.

Jünger, in vielem ahnungsloser und in anderem erstaunlich klar. Mit Gedanken, Vorstellungen und Sätzen darüber, wie ihr Leben einmal aussehen sollte. Bei manchen musste ich echt lachen, bei anderen dachte ich mir - du meine Güte. Und bei einigen Passagen wurde ich still. Nicht, weil ich plötzlich feststellen musste, dass ich meine großen Jugendträume verraten hatte, sone Geschichte wäre mir ohnehin etwas zu hübsch. Sondern weil ich bei manchen Sätzen merkte: Das habe ich gar nicht verworfen, sondern ich habe irgendwann einfach nur aufgehört, es zu hören.

Das Leben war dazwischengekommen. Arbeit, Beziehungen, Verantwortung, Entscheidungen, Notwendigkeiten. Dinge, die wichtig waren. Dinge, die wichtig schienen. Und vermutlich auch einiges, das sich irgendwann so selbstverständlich über anderes gelegt hatte, dass ich gar nicht bemerkte, was darunter verschwand.

Und plötzlich saß ich da mit einer ziemlich interessanten Frage: Was schulde ich eigentlich einem Versprechen, das ich einem früheren Ich gegeben habe?

Muss ich es halten, um mir treu zu sein? Oder kann genau dieses Festhalten bedeuten, dass ich heute einem Menschen gehorche, der ich längst nicht mehr bin?

Und dann gibt es noch die unbequemere Möglichkeit: Was, wenn dieses alte Versprechen meinem Eigenen näher war als manches, was ich heute für vernünftig halte?

Jetzt packte mich die Neugierde, denn alte Versprechen an uns selbst können Ausdruck eigener Wünsche und Werte sein. Sie können aber auch an einen früheren Lebensentwurf gebunden sein, der heute nicht mehr trägt. Die I·A·M - Innere Architektur-Mensch fragt nicht nur, ob wir uns selbst treu bleiben, sondern welchem Eigenen wir eigentlich treu sind und aus welchem Bezug heraus wir an etwas festhalten oder es wieder aufnehmen.



Nicht jedes Versprechen ist ein Versprechen an das Eigene

Menschen geben sich erstaunlich früh ziemlich weitreichende Versprechen.

„So werde ich niemals.“

„Wenn ich einmal Kinder habe, mache ich das anders.“

„Ich werde nie von jemandem abhängig sein.“

„Irgendwann mache ich etwas, das wirklich meines ist.“

„Meine Familie soll es einmal besser haben.“

„So lasse ich nie wieder mit mir umgehen.“

Manche dieser Sätze entstehen nach Erfahrungen, die wehgetan haben. Andere aus Trotz, Angst oder dem dringenden Wunsch, etwas nie wieder erleben zu müssen. Aber da gibt es noch die, die in Momenten erstaunlicher Klarheit entstehen. Von außen lassen sie sich kaum unterscheiden, das ist wichtig. Denn wir neigen schnell dazu, einem Satz schon deshalb besondere Wahrheit zu verleihen, weil wir ihn irgendwann mit großer Entschlossenheit ausgesprochen haben. Doch Entschlossenheit sagt zunächst nur etwas über ihre Stärke aus und noch nichts über ihren Ursprung.

Ein Mensch kann sich mit siebzehn schwören, nie wieder jemanden zu brauchen, weil Abhängigkeit für ihn gerade unerträglich geworden ist. Ein anderer kann sich im selben Alter vornehmen, einmal unabhängig zu arbeiten, weil er zum ersten Mal sehr deutlich wahrnimmt, wie sehr er gestalten möchte. Beide können Jahrzehnte an diesem Satz festhalten. Der eine hält nur möglicherweise eine alte Schutzbewegung aufrecht und der andere vielleicht etwas, das seinem Eigenen damals erstaunlich nah war. Und ja, natürlich kann es auch genau andersherum sein. Deshalb reicht die Frage „Habe ich mein Versprechen gehalten?“ nicht besonders weit.

Viel interessanter ist doch mal wieder: Aus welchem Bezug heraus habe ich es mir damals gegeben?

Das Leben baut mit

Dann passiert etwas ausgesprochen Unverschämtes, denn das Leben hält sich nicht an unsere Entwürfe. Da kommen Menschen hinzu und manche gehen wieder. Kinder werden geboren. Eltern werden älter. Beziehungen verändern sich. Man übernimmt Verantwortung, verdient Geld, verliert Geld, baut Unternehmen auf, wird krank, gesund, vernünftig oder gelegentlich auch einfach müde.

Prioritäten verschieben sich und dabei entstehen Strukturen, die durchaus sinnvoll sein können.

In der Inneren Architektur spreche ich in diesem Fall von Überbauten und Fremdbauten, wenn sich im Laufe des Lebens etwas über die eigene ursprüngliche Organisation legt oder aus anderen Bezügen übernommen wird. Das klingt zunächst dramatischer, als es sein muss, denn nicht jeder Überbau ist schlecht.

Ein Mensch kann etwas Eigenes zurückstellen, weil ein Kind gerade wichtiger ist. Er kann Verantwortung übernehmen, obwohl ihm nach etwas völlig anderem wäre. Er kann einen Kompromiss eingehen, sich anpassen, verzichten oder eine Entscheidung treffen, die nicht seiner ersten inneren Bewegung entspricht. Das kann sehr bewusst und sehr stimmig sein, da das Eigene wahrzunehmen nicht bedeutet, ihm immer folgen zu müssen.

Schwierig wird es eher erst, wenn irgendwann nicht mehr unterschieden werden kann. Wenn aus „Ich entscheide mich gerade dagegen“ langsam „Das bin ich eben“ wird. Wenn so eine eigentlich vorübergehende Verantwortung zum dauerhaften Selbstverständnis wird. Wenn Erwartungen, Rollen, Zugehörigkeit und Gewohnheit so selbstverständlich geworden sind, dass das, was darunter einmal wahrnehmbar war, kaum noch vorkommt.

Dann muss das Eigene nicht verschwunden sein, es kann schlicht überbaut sein.

Manche Versprechen halten uns

Das gilt allerdings auch in die andere Richtung, denn nicht nur das Leben kann etwas überbauen, auch ein altes Versprechen kann selbst zum Überbau werden.

„Ich brauche niemanden.“

„Ich gebe niemals auf.“

„Ich werde es allen beweisen.“

„Meine Kinder sollen es einmal besser haben.“

Ein solcher Satz kann Jahrzehnte später noch ein ganzes Leben organisieren. Man arbeitet, hält durch, sorgt sich, manchmal vermeidet man auch und vielleicht erreicht man sogar ziemlich viel. Das kann von außen beeindruckend konsequent aussehen, nur irgendwann stellt sich eine andere Frage:

Trage ich dieses Versprechen noch – oder hält inzwischen das Versprechen mich?

Das ist keine Wortspielerei, denn es macht einen Unterschied, ob eine Entscheidung aus einem gegenwärtigen eigenen Bezug entsteht oder ob sie notwendig geworden ist, damit eine alte innere Konstruktion nicht ins Wanken gerät. Und das Verhalten kann dabei exakt dasselbe sein.

Ein Mann arbeitet zwölf Stunden am Tag, weil er liebt, was er tut. Ein anderer tut es, weil er sich einmal geschworen hat, seiner Familie Sicherheit zu geben. Ein dritter, weil er nicht weiß, wer er wäre, wenn er aufhörte zu leisten. Und vermutlich gibt es noch hundert andere Gründe.

Zwölf Stunden Arbeit verraten uns darüber erstaunlich wenig, denn die Handlung zeigt nicht automatisch den Bezug, aus dem sie entsteht.

Genau deshalb interessiert mich in der Inneren Architektur nicht zuerst, was jemand tut - mich interessiert das Woher.

Die Versprechen, die nicht laut geworden sind, die man nicht verbissen verteidigt. Die, die keine Karriere organisiert und keine Beziehung bestimmt haben - sie liegen eher herum wie mein altes Tagebuch. Man hat sie nicht bewusst gebrochen, man hat eher nur irgendwann aufgehört, sie zu hören. Ja, vielleicht wollte jemand schreiben, etwas Eigenes aufbauen, mehr draußen sein, mit Menschen arbeiten. Kinder haben, keine Kinder haben. Etwas erforschen, handwerklich arbeiten, Musik machen. In einer anderen Form leben oder schlicht ein Leben führen, in dem ein bestimmter Teil von ihm mehr vorkommt. Und dann kam es anderes, nicht zwingend etwas Falsches, - das ist mir wichtig. Es wäre auch zu einfach gedacht, jedes nicht gelebte Eigene sofort zum Opfer gesellschaftlicher Erwartungen, falscher Beziehungen oder böser Umstände zu erklären. Manchmal haben andere Dinge tatsächlich mehr Bedeutung bekommen und ein Mensch hat sich bewusst oder unbewusst für sie entschieden, auch das gehört zum Leben.

Aber vielleicht lohnt es sich trotzdem, gelegentlich nachzusehen, was dabei leiser geworden ist. Nicht damit es sofort wieder einen Platz im Terminkalender bekommt und nicht damit aus jedem alten Wunsch ein Projekt wird. Und auch bitte nicht, damit wir mit 52 hektisch die Bucket List unseres 17-jährigen Ichs abarbeiten, denn das könnte für alle Beteiligten unangenehm werden.

Sondern um unterscheiden zu können. Ist etwas wirklich vorbei? Oder liegt es nur unter etwas anderem? Das ist einfach nicht dasselbe.

Treue ist keine Gefolgschaft

Vielleicht liegt genau hier ein Missverständnis über die berühmte „Treue zu sich selbst“. Sie klingt schnell so, als gäbe es irgendwo ein unveränderliches wahres Ich mit einem ursprünglichen Lebensplan, den man nur endlich wiederfinden und konsequent abarbeiten müsse. Genauso verstehe ich Eigenheit nicht, denn Menschen entwickeln sich, Bezüge verändern sich, Bedeutungen verschieben sich. Was einmal sehr eigen war, kann heute einfach keine Richtung mehr vorgeben.

Und etwas, gegen das man sich früher entschieden hat, kann heute Bedeutung bekommen. Ein Versprechen muss nicht unverändert bleiben, um einmal wahr gewesen zu sein. Ich darf erkennen:

Ja, das war meines.

Ja, das war mir wichtig.

Ja, dieser Satz entstand damals sehr nah an mir und trotzdem entscheide ich mich heute anders. Vielleicht weil ein anderer Mensch Bedeutung hat, weil ich Verantwortung trage, weil meine Wirklichkeit eine andere geworden ist. Vielleicht schlicht, weil ich heute anders in Bezug stehe.

Das ist kein Verrat am früheren Ich, sondern es ist eine gegenwärtige Entscheidung. Deshalb glaube ich inzwischen: Wir schulden unserem früheren Ich keine Gefolgschaft - aber Aufmerksamkeit.



Der Unterschied zwischen Erinnern und Zurückkehren

Als ich mein Tagebuch wieder geschlossen habe, hatte ich nicht das Bedürfnis, mein früheres Leben wieder aufzunehmen, zum Glück. Ich möchte auch definitiv nicht wieder siebzehn sein, schon allein die Make-upfrage wäre kompliziert. Aber etwas anderes war passiert, denn ein paar Sätze waren wieder sichtbar geworden und damit auch deren Bezüge, aus denen sie einmal entstanden waren.

Bei manchen konnte ich heute sogar erkennen, daß ich das damals brauchte.
Bei anderen, war es eine Antwort auf etwas, das längst vorbei ist.
Und da gab es auch einige: Ach, da bist du ja. Nicht als Auftrag und auch nicht als unerledigter Punkt. Eher wie etwas Eigenes, das unter all dem, was seitdem entstanden ist, noch immer erkennbar war.

Vielleicht ist das der eigentliche Wert solcher Begegnungen mit dem früheren Ich, nicht zurückzugehen. Sondern vom heutigen Standpunkt aus noch einmal unterscheiden zu können.

Was war Schutz?

Was war Anpassung?

Was war Trotz?

Was war Zugehörigkeit?

Was war ein Versuch, jemand zu werden?

Und wo war möglicherweise etwas, das ziemlich nah an dem lag, was tatsächlich meines war?

Nicht jede dieser Fragen braucht eine Antwort, denn manchmal reicht es schon, dass sie wieder gestellt werden kann.

Was habe ich mir eigentlich versprochen?

Vielleicht braucht es dafür kein altes Tagebuch, denn manchmal reicht auch ein Satz, an den man sich plötzlich erinnert. Eine Tätigkeit, bei der man denkt: Das wollte ich doch einmal. Eine Entscheidung, die seit Jahren selbstverständlich erscheint. Oder dieses merkwürdige Gefühl, wenn man einem Menschen begegnet, der etwas lebt, bei dem es innen ganz kurz still wird.

Nicht jedes Ziehen ist ein Ruf, nicht jeder alte Traum eine Wahrheit und nicht jedes Versprechen ein Auftrag. Aber vielleicht muss man es auch nicht sofort einordnen.

Man könnte zunächst einfach fragen: Was habe ich mir damals eigentlich versprochen?
Und dann noch etwas genauer: Aus welchem Bezug heraus?

Und schließlich die Frage, die für mich heute viel wichtiger ist als jede Forderung nach Selbsttreue:

Aus welchem Bezug heraus stehe ich heute dazu?

Vielleicht ist ja auch die Antwort - das gehört nicht mehr zu mir. Fein!

Vielleicht lautet sieaber auch, es gehört noch zu mir - aber anderes hat heute mehr Bedeutung. Auch fein!

Und manchmal könnte etwas anderes passieren, dann entdeckt man unter Jahren von Leben, Verantwortung, Vernunft und all den Dingen, die inzwischen darübergebaut wurden, einen alten Satz und merkt: Den hatte ich gar nicht wirklich vergessen, ich konnte ihn nur eine Weile nicht mehr hören.

Vielleicht liegt irgendwo bei dir auch noch so ein Versprechen herum, nicht als Verpflichtung oder als Forderung des Menschen, der man einmal war. Sondern als kleine Erinnerung daran, wo man einmal sehr genau wusste, wofür man steht.

Man könnte ja mal nachsehen, ob es noch da ist.



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